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Der Lübecker Stadtteil Kücknitz, die Flüchtlinge und die Exodus

Nahe der Trave und der Ostsee liegt der Stadtteil Kücknitz. Er ist umgeben von viel Wald, Landschafts- und Naturschutzgebieten. Kücknitz liegt nordöstlich vom Lübecker Zentrum zwischen den anderen Lübecker Stadtteilen St. Gertrud und Schlutup im Süden, St. Lorenz Nord im Südwesten und Travemünde im Nordosten. Zum Stadtteil zählen die Ortschaften  Dänischburg, Siems, Rangenberg, Wallberg, Herrenwyk, Dummersdorf, Roter Hahn und Pöppendorf.
In der Nähe von Pöppendorf liegen das jungsteinzeitliche Pöppendorfer Großsteingrab und der Pöppendorfer Ringwall aus der Slawenzeit.

Großsteingrab Pöppendorf
Großsteingrab Pöppendorf


1715 nahm im Waldhusener Forst ein Holzvogt seinen Dienst auf. 1765 wurde ein Haus für den Förster im Forst Waldhusen gebaut. Dieses gilt als ältester Wohn- und Dienstsitz eines Försters in Deutschland.

 
Versteckt im Waldhusener Forst in der Nähe des Bahnhofs Kücknitz errichteten im Juli 45 die Briten das „Lager Pöppendorf“ zunächst als Entlassungslager für Wehrmachtsangehörige aus Norwegen. Die Flüchtlingsströme nahmen aber zu. Die Flüchtlinge in Schleswig-Holstein waren ab 1945 eines der größten Probleme der Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Gemessen an der Bevölkerungszahl nahmen zunächst die preußische Provinz Schleswig-Holstein und dann das neue Land Schleswig-Holstein zwischen 1944 und 1947 die meisten Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches auf. Trotz aller Widerstände gelang trotzdem ihre Unterbringung, Versorgung und Integration. Ab Oktober 1945 wurde das Lager als Durchgangslager für deutsche Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten genutzt. Danach wurde das Lager durch Nissenhütten winterfest ausgebaut. Mit insgesamt fast 1 Mio. Flüchtlingen und Vertriebenen während der Existenz des Lagers war Pöppendorf damals das größte Lager in ganz Schleswig-Holstein.
Auf der Herreninsel beim neuen Herrentunnel wurde im Sommer 47  aus dem "Lager am Stau", aus dem ehemaligen Zwangsarbeiterlager der SS ein Lager für polnische "displaced persons".
Bis zur Räumung beider Lager im Sommer 47 wurden von hier polnische und baltische Staatsangehörige zum Teil gegen ihren Willen in ihre Heimat abgeschoben.
Über eine Million deutsche Soldaten wurden in Norddeutschland interniert. In Dithmarschen-Eiderstedt und in Plön wurden sie vorübergehend in Sperrgebieten untergebracht bis zur endgültigen vollständigen Auflösung im April 1946. 
In schleswig-holsteinischen Lagern blieben über 200.000 ehemalige sogenannte Fremdarbeiter und Zwangsarbeiter. 365.000 Flüchtlinge und Vertriebene kamen bis Ende 1946 dazu.
Im Oktober 46 ergab die erste „gesamtdeutsche“ Volkszählung ohne die "displaced persons", dass 2,6 Millionen Menschen, rund eine Million mehr als vor 1939 jetzt in Schleswig-Holstein lebten. Die Kriegstoten abgerechnet, bedeutete das drei Hinzugezogene auf vier Einheimische kamen. In Niedersachsen war das Verhältnis 1:2, in Bayern 1:3. Der Mangel an Wohnraum, Nahrung und Arbeitsplätzen war erdrückend, war auch Gegenstand heftiger Diskussionen, wurde aber letztendlich bewältigt. 2016/17 wurde im ungleich reicheren Gesamtdeutschland allgemein erklärt, dass wir überfordert sein sollen bei der Aufnahme syrischer Flüchtlinge.  (Stand Februar 2017:) Seit 2011 herrschte in Syrien ein Bürgerkrieg. Nach Angabe des UNHCR hätten rund 4,9 Millionen Menschen das Land verlassen. Die meisten Flüchtlinge befinden sich in den angrenzenden Staaten: Libanon, Jordanien, Türkei und Ägypten. Aber nur ein kleiner Teil von ihnen ist nach Europa geflohen. In der Bundesrepublik sollen dies inzwischen rund zwölf Prozent aller syrischen Flüchtlinge sein; und wir könnten weitläufiger Meinung nach damit nicht fertig werden ?

Eine andere tragische Begebenheit führte in Kücknitz am 9. September 47 zu einer Einweisung von 4319 Personen in das "Pöppendorf Camp".
Sie kamen von der Exodus 1947, der 1928 unter dem Namen President Warfield ein in Dienst gestellter Vergnügungsdampfer an der Ostküste der Vereinigten Staaten war.
Als US-Truppentransporter wurde das Schiff auch bei der alliierten Landung in der Normandie eingesetzt. Durch den Kriegseinsatz stark verschlissen, wurde das Schiff am 14. November 1945 ausgemustert und auf einem Schiffsfriedhof in Baltimore verankert.
Eine große Zahl der europäischen Juden, die den Holocaust überlebt hatten, wünschten, nach Palästina auszuwandern; dies galt insbesondere für jüdische "displaced persons" in Deutschland. 
Die Einwanderung in das britische Mandatsgebiet war aber unerwünscht. Die britische Militäradministration war der Auffassung, die Situation würde destabilisiert und dadurch die englische Vormachtstellung in Frage gestellt werden. 
Der israelische Geheimdienst hatte die President Warfield instandgesetzt und wegen des relativ geringen Tiefganges unter der Flagge von Honduras aktiviert. Dies blieb nicht lange geheim. Um möglichst viele Passagiere transportieren zu können wurden die Unterkünfte sehr eng gebaut. Die Kojen für die Passagiere maßen nur 45 cm in der Breite und 60 cm in der Höhe. Auf diese Weise konnte das ursprünglich für 200 Passagiere ausgelegte Schiff in einer siebenwöchigen Liegezeit für 5000 Flüchtlinge vorbereitet werden. Am 9. Juli 47 lief die President Warfield im Hafen des südfranzösischen Sète ein. In der Nacht vom 9. zum 10. Juli wurden mit rund 170 LKWs eilig 4515 jüdische Flüchtlinge aus den Sammellagern rund um Marseille gesammelt und bis zum Mittag des 10. Juli an Bord des Schiffes gebracht. Man spricht davon, dass darunter möglicherweise fast 1000 Kinder waren. Am 17. Juli wurde das Schiff feierlich in Exodus 1947 umbenannt. Unter ständiger Begleitung von britischen Kriegsschiffen steuerte es Richtung Suez-Kanal, danach Richtung Gaza, geplant aber vereitelt wurde das dortige Anlanden. Die hygienischen Verhältnisse führten schon jetzt zu Hunderten von Toten. Jetzt versuchten die Briten die Exodus mehrfach zu entern und zu rammen, was weitere Todesopfer verursachte, Schusswaffen wurden eingesetzt. Die Kämpfe wurden live im Radio übertragen, so dass die Weltöffentlichkeit darauf aufmerksam wurde. Während die so von den Briten in Besitz genommene Exodus im Hafen von Haifa einlief, wurde das Lied haTikwa (die spätere Nationalhymne Israels) über die Bordlautsprecher übertragen. 
In Haifa angekommen wurden die Passagiere sofort weiterverteilt auf  die drei Gefangenenschiffe Ocean Vigour, Runnymede Park und Empire Rival. Dann ging es  zurück nach Frankreich, wo sie am 29. Juli eintrafen. Ihnen wurde angeboten in Frankreich Asyl zu bekommen. 75 von ihnen nahmen das Angebot an. An Bord war die Situation zwar menschenunwürdig, trotzdem weigerten sich die meisten Passagiere drei Wochen lang, die Schiffe zu verlassen. Dem Juden Meier Schwarz von der palästinensischen Untergrundorganisation Haganah gelang es dann, sich in Marseille während der Aufnahme von Kohle als Offizier auf die Ocean Vigour einzuschmuggeln. Dies blieb nicht unbemerkt, die britische Verwaltung drohte mit der Ausreise nach Deutschland. Unbeeindruckt von diesem Verhalten stachen die Schiffe am 22. August erneut in See. Der Druck auf die britische Regierung wuchs und um die Entscheidung zu einer Deportation nach Deutschland noch einmal zu diskutieren, machten die Schiffe Ende August einen fünftägigen Zwischenstopp in Gibraltar. Erst am 30. August ging es weiter. Alle erreichten am 8. September Hamburg. Vor den Augen der Öffentlichkeit, die Presse war zugegen, wurden die 4319 Passagiere mit Gewalt von Deck gebracht und in die beiden „Lager Pöppendorf“ und „Am Stau“ verbracht.
Die Operation nannte sich Oasis und hatte damit bedeutende Auswirkungen auf das Ende des britischen Mandats in Palästina und die spätere Staatsgründung von Israel.  Nach dem UN-Teilungsplan für Palästina 1947 am 29. November 1947 von der UN-Generalversammlung als Resolution 181 (II) angenommen wurde Israel am 14. Mai 1948 als repräsentative Demokratie mit einem parlamentarischen Regierungssystem proklamiert. 
Innerhalb der Lager ging nämlich der Widerstand weiter, was die Verwaltung unter anderem mit Kürzung der Lebensmittelrationen bestrafte. Am 6. Oktober zogen schließlich die Wachen von den Lagern ab und ließen die Exodus-Passagiere frei. Viele von ihnen schlugen sich erneut nach Südfrankreich durch und fuhren von dort nochmals nach Palästina. 
Immer wieder traten zwischen der jüdischen Selbstverwaltung und den britischen Militärbehörden erhebliche Schwierigkeiten ein und die Lager boten keine sichere Unterkunft im Winter mehr. Beide Lager wurden deshalb vom 2. bis zum 5. November wieder geräumt. Die 2342 verbliebenen Bewohner des „Lagers Pöppendorf“ wurden per Eisenbahn in eine ehemalige Kaserne nach Emden gebracht, die rund 1550 Bewohner des Lagers „Am Stau“ in das Marinelager nach Wilhelmshaven-Sengwarden. 
Die Lager Pöppendorf und Am Stau wurden danach umfangreich renoviert und standen ab dem 17. November wieder als Durchgangslager für Ostflüchtlinge zur Verfügung. 
Anschließend wurde das Lager abgerissen; heute erinnern nur noch die Grabstätten der in Pöppendorf verstorbenen Kinder auf dem Jüdischen Friedhof in Moisling an das Lager. Eine Gedenktafel im Waldhusener Forst wurde immer wieder zerstört oder beschmiert.
 

1999 wurde der Geschichtserlebnisraum Lübeck eingerichtet. Im Mai 2007 wurde auf dem Geschichtserlebnisraum der Bau der Kirche St. Nikolai begonnen. Es ist ein Nachbau einer mittelalterlichen norwegischen Stabkirche. Die Kirche wurde 2008 unter Beteiligung der Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter geweiht.
St. Nikolai ist eine evangelisch-lutherische Kirche aus Holz. Die Kirche trägt wie der Lübecker Dom den Namen des Nikolaus von Myra.
 
Sie wurde 2007 als jüngstes Kirchengebäude der Stadt von Kindern und Jugendlichen errichtet und ist der Nachbau einer norwegischen Stabkirche aus dem 12. Jahrhundert. Der Kirchenbau liegt neben einem nachgebauten Wikingerdorf mit einem typischen Langhaus und einem auf Pfosten stehenden Speichergebäude. St. Nikolai soll in den kommenden Jahren mit einer mittelalterlichen Klosteranlage mit Speise- und Schlafsaal, Werkstätten, Sakristei und Badestube erweitert werden. Die Kirche ist für kirchliche Dienste vorgesehen und steht für Gottesdienste, Trauungen und Taufen zur Verfügung.

 
Weitere Kirchen hier sind
St.-Paulus-Kirche, Dänischburger Landstraße (geweiht 1965)
St.-Michael-Kirche, Rangenberg (geweiht 1951 - Entwidmung 2008)
St.-Johannes-Kirche, Dummersdorfer Straße (geweiht 1910)
Dreifaltigkeitskirche, Schlesienring (geweiht 1965)
St. Nikolai (Kücknitz) (geweiht 2008)
Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten), Hüttenstraße
römisch-katholisch
Pfarrkirche St. Joseph, Josephstraße (benediziert 1910)
Die St.-Johannes-Kirche wurde um 1908 von Carl Mühlenpfordt entworfen, außerdem das dazugehörende Pfarrhaus und die Volksschule. Auch die St.-Joseph-Kirche wurde von ihm entworfen.
 
 
1669 wird ein links der Travemünder Landstraße gelegener Galgen erwähnt. Die dort später erbaute  Siedlung heißt auch Galgenberg. Kücknitz ist von alters her eine Gerichtsstätte der klösterlichen Oberherrschaft.
Bis zum Abschluss der Verkoppelung des Dorfes (1825) besteht ein Gefangenenhaus – der "Schlüterkaten" – welches später als Armenhaus diente. Noch 1966 wird die Kate erwähnt; sie lag unweit des Schlünz'schen Anwesens im Mühlbachtal und muss, wie jenes, 1968 dem Ausbau der Solmitzstraße weichen.
 

 

 

 

 Also, Wandern immer im benachbarten Waldhusen.

Schlutup