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Arp Schnitger und seine norddeutschen Orgeln

Die berühmte Orgel von 1693 auf der Westempore von St. Jacobi Hamburg ist mit ihren 60 Registern und ca. 4.000 Pfeifen die größte erhaltene Barockorgel im nordeuropäischen Raum.

Fast 330 Jahre ist es her, dass Arp Schnitger die Arbeit an diesem, seinem zweiten Großprojekt in Hamburg, der viermanualigen Orgel hier aufnahm. Die Arbeiten nahmen gut drei Jahre in Anspruch und bescherten der Hansestadt ein Orgelwerk, das den Ergebnissen der stürmischen Entwicklung des Orgelbaues in dem Jahrhundert zuvor in hervorragender Weise Rechnung trug. Das Verdienst von Arp Schnitger (* 1648, vermutlich in Schmalenfleth in der Wesermarsch; getauft am 9. Juli 1648 in Golzwarden (heute Stadtteil von Brake); begraben 28. Juli 1719 in Hamburg-Neuenfelde)  ist es, Respekt vor den Vorgängern - er übernahm ganze Register aus der älteren Orgel - mit einer neuen Großkonzeption, die dem damaligen hansestädtischen Repräsentationsbedürfnis entsprach, verbunden zu haben.

Jacobi Hamburg
Schnitger-Orgel Jacobi Hamburg

Arp Schnitger baute Gehäuse, Windladen, Bälge, Kanäle, Traktur und etwa 46 Register, unter ihnen fast alle Zungenstimmen, neu. Eine wahrhaft "gravitätische" Konzeption mit starker Betonung der Baßregister in den 8,50 m hohen Pedaltürmen zeichnet dieses Instrument aus. Der Orgelneubau belief sich auf insgesamt 29108 Mark und 14 Schilling, nach heutigem Geld ein Millionenbetrag. Das Orgelwerk erregte Aufsehen bei den namhaftesten Orgelmeistern, -komponisten und -spielern. 1720 interessierte sich kein geringerer als Johann Sebastian Bach für das Organistenamt in St. Jacobi. Als Glücksfall darf angesehen werden, dass das Instrument zwei Jahrhunderte nahezu unangetastet blieb. Während andernorts die Orgeln dem Zeitgeschmack angepasst wurden, herrschte hier die Ehrfurcht vor dem Meisterwerk. Erst im 20. Jahrhundert haben die beiden Weltkriege schlimme Wunden geschlagen. Im Ersten Weltkrieg mussten alle Prospektpfeifen an die Heeresverwaltung abgeliefert werden. Dieser Verlust konnte durch die Restaurierungsarbeiten zwischen 1926 und 1930 nur unvollkommen ausgeglichen werden. Dennoch wurde die Orgel in den 20er Jahren zum Symbol der Orgelerneuerungsbewegung, die u.a. mit den Organisten Karl Straube und Günter Ramin, mit Hans Henny Jahnn und Albert Schweitzer in Verbindung zu bringen ist. Im Zweiten Weltkrieg wurde glücklicherweise die instrumentale Substanz der Orgel durch Auslagerung gerettet. Während im Juni 1944 Gehäuse und Spielanlage verbrannten, konnten die klingenden Teile - Pfeifen und Windladen - und die Dekorationsteile überleben. Dankbarkeit und Freude über den 1950 im Seitenschiff und 1960 am ursprünglichen Standort erfolgten Wiederaufbau werden heute etwas getrübt durch die Erkenntnis tiefgreifender Schäden, die die Existenz des Instrumentes bedrohen und durch die Einsicht in systematische Fehler, die beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht wurden. Deshalb hat man sich 1984 zu einer großen Restaurierung entschlossen, die den Originalzustand so getreu wie möglich wiederherzustellen versucht. Diese Restaurierung, die bis dahin aufwendigste, die je an einer historischen Orgel vorgenommen wurde, wurde durch den Orgelbauer Jürgen Ahrend aus Leer in Ostfriesland durchgeführt. Die Arbeiten wurden durchgeführt von 1989 bis 1993, also exakt 300 Jahre nach Arp Schnitgers Neubau.

Modell Dom Lübeck
Modell Schnitger-Orgel Dom zu Lübeck

Schnitgers Wirkungskreis erstreckte sich über Nordeuropa, wo er über 100 Orgelneubauten schuf und stilbildend war. Neben der Hauptwerkstatt in Hamburg arbeiteten seine Gesellen und Mitarbeiter in Filialen zwischen Groningen und Berlin, um von dort aus neue Orgeln zu errichten oder ältere Werke zu unterhalten oder umzubauen. 
1696 bis 1699 baute Schnitger eine weitere sehr bedeutende Orgel für den Dom zu Lübeck. Eingeweiht wurde diese unter Beteiligung des Marien-Organisten Dieterich Buxtehude. Klanglich wurde diese am Ende des 19. Jahrhunderts. Während der Nacht zum Palmsonntag 1942 fiel der Dom mit der Orgel aber dem britischen Bombenangriff zum Opfer.  Von der historischen Orgel ist heute noch der Spielschrank erhalten, welcher 1892 beim Umbau durch die Firma Walcker aus dem Ensemble der Orgel herausgelöst wurde. Er fand im St. Annen-Museum seinen Platz und blieb dort von der Zerstörung des Krieges verschont. Seit 2002 gibt es jetzt Bemühungen, diese Orgel wiederherzustellen. Ein Entwurf des Lübecker Architekten Helmut Riemann mit Team errang dabei 2012 den Gewinn eines Architektenwettbewerbes. 2013 entstand das gezeigte Modell und das Vorhaben nimmt nun an Fahrt auf.
Schnitger konzipierte  seinerzeit seine Werke mit rauschenden Mixturen und starken Bässen zum einen für die Begleitung des Gemeindegesangs. Zum anderen dienten sie der Darstellung der norddeutschen Orgelschule, die sich in den von der Kaufmannschaft organisierten Abendmusiken der Hansestädte entfalten konnte. Etwa 30 seiner Instrumente sind in ihrer Grundsubstanz noch erhalten.
Verstorben ist er aber vermutlich nicht in Neuenfelde, sondern in Itzehoe, wo er seit 1715 an einer Orgel mit drei Manualen und 43 Registern gebaut hatte. In Neuenfelde fand er dann seine letzte Ruhe.

 

 

 

 

Paul v. Schoenaich

 

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