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Schopenhauers Wolkenkuckucksheim

Jeder kennt den Begriff Wolkenkuckucksheim, aber woher kommt der eigentlich? Wer hat ihn bekannt gemacht? Es ist die Übersetzung eines griechischen Wortes, das aus Aristophanes’ Komödie Die Vögel stammt.

Es bezeichnet eine Stadt in den Wolken, die sich die Vögel als Zwischenreich gebaut haben. Mittlerweile wird der Begriff ähnlich wie der des Luftschlosses verwendet: als eine Utopie ohne Bodenhaftung, also ohne Realitätssinn. Und bekannt gemacht hat diesen Begriff der recht bedeutende Philosoph Arthur Schopenhauer (* 22. Februar 1788 in Danzig; † 21. September 1860 in Frankfurt am Main). Seine Philosophie, schreibt Schopenhauer selbst im Rückblick auf sein Lebenswerk, rede "nie von Wolkenkuckucksheim, sondern von dieser Welt" (1852). Diese Weltzugewandheit garantiert dem Denken Schopenhauers eine bleibende Aktualität: Probleme aus allen Lebensbereichen, aus Gesellschaft, Wissenschaft, Religion, vor allem aber aus dem Bereich der Kunst, lassen sich im Lichte der Schopenhauerschen Philosophie erhellen. Nicht zufällig haben gerade Künstler und künstlerisch inspirierte Philosophen sich seinem Werk angeschlossen: Tolstoi, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Wilhelm Busch, Albert Einstein oder Thomas Mann. Kunst- und philosophiefreudig ist die Epoche, aus der er stammt. Am 22. Februar 1788 in Danzig geboren, tritt er in eine Epoche ein, die durch die Namen Kant und Goethe geprägt ist. Beide werden zu Leitsternen seiner eigenen Entwicklung. Freilich verläuft diese nicht so geradlinig, wie er selbst es sich wünscht. Der Vater Heinrich Floris Schopenhauer (1747–1805), der einer angesehenen Danziger Kaufmannsdynastie entstammte, verlässt 1793 wegen der Annexion Danzigs durch Preußen seine Heimatstadt und lässt sich mit der Familie in Hamburg nieder. Heinrich Schopenhauer gründete im Neuen Wandrahm 92 in der heutigen Speicherstadt ein Handelshaus, in dem die Familie bis 1805 wohnte. 

 

 

 

 

Schopenhauer
Briefmarke Schopenhauer

Arthur Schopenhauer soll Kaufmann werden, tüchtig und weltkundig, so will es der Vater. Eine mehrere Monate dauernde Europareise  1803 bis 1804 dient dem Zwecke, den Sohn im "Buch der Welt" lesen zu lassen. Die Qual der Hamburger Kaufmannslehre im Haus von Jacob Kabrun jr. , danach im Unternehmen von Martin Johann Jenisch (dem Älteren), dauerte glücklicherweise nicht allzu lange.  Am 20. April des Jahres 1805 verunglückte der unter Depressionen leidende Vater tödlich: Er stürzte vom Dachspeicher seines Hauses in das angrenzende Fleet, das hinter dem Gebäude lag. Nach Auflösung des väterlichen Geschäfts und dem Verkauf des Wandrahms 92 wohnte die Familie vorübergehend von 1805 bis 1806 in einer Wohnung in den Kohlhöfen 29 nahe dem Großneumarkt. Arthur brach seine Lehre ab und wurde im Juni 1807 auf Ratschlag Carl Ludwig Fernows Schüler des Gymnasialdirektors Doering am Gymnasium Illustre in Gotha
Seine Mutter Johanna Henriette Schopenhauer (* 9. Juli 1766 in Danzig; † 16. April 1838 in Jena) zog 1806 mit seiner 1797 geborenen Schwester Adele nach Weimar. In der Zeit nach der napoleonischen Besetzung Weimers begann Johanna ihre wöchentlichen Teegesellschaften im Literarischen Salon, die rasch zu einem der Mittelpunkte des kulturellen Lebens wurden. Goethe war hier regelmäßiger Gast und es entstand ein so enger Kontakt zwischen ihm und den Schopenhauers, dass Tochter Adele Goethe zeitlebens „Vater“ nannte.
1809 bezieht er die Universität Göttingen, 1811 wechselt er an die neugegründete Universität Berlin über, wo er Fichte und Schleiermacher, allerdings ohne nachhaltigen positiven Eindruck, hört.
Von Anfang an ist sein Studium thematisch breit angelegt. Den Naturwissenschaften gehört sein Interesse ebenso wie der Philosophie und der Geschichte. Die in seinen späteren Werken zutage tretende erstaunliche Fülle an Realwissen erwirbt er sich zu einem guten Teil bereits in seiner Studienzeit. 1813 schließt er das Studium mit einer Dissertation "Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde" ab, einer Schrift, die von grundlegender Bedeutung für den Entwurf seines philosophischen Hauptwerkes sein wird. De Jahre 1814 bis 1818 gehören der Ausarbeitung dieses Werkes. Im Dezember 1818 erscheint im Verlag Brockhaus mit Datum von 1819 "Die Welt als Wille und Vorstellung". Alles philosophisch Wesentliche, das Schopenhauer zu sagen hat, steht in diesem Werk. Spätere Schriften und Erweiterungen des Hauptwerkes sieht er als Ergänzungen und Erläuterungen der Gedanken an, die er in der Zeit zwischen 1814 und 18 gewonnen hat.

 

 

 

 

Erfüllt von der Überzeugung, eine gänzlich neue, wahre Philosophie geliefert zu haben, erwartet er die Reaktionen der Fachgenossen. Zu seiner Enttäuschung und Verbitterung wird das Werk weitgehend ignoriert. Erst zu Ende der vierziger Jahre meldet sich allmählich ein breiteres Interesse an der im Hauptwerk vorgetragenen Metaphysik des Willens: Man wird aufmerksam auf eine Lehre, die das Wesen der Welt nicht mehr in den selbstbewussten Geist, sondern in dem triebhaft dumpfen Willen setzt, die zugleich aber die Befreiung von diesem Prinzip durch reine Erkenntnis, in Ästhetik und Ethik verspricht. Der eigentliche Durchbruch zu großem europäischen Ruhm indes verdankt Schopenhauer seinen brillant geschriebenen, für ein größeres Publikum bestimmten "Parerga und Paralipomena" (1851).
Nach Publikation des Hauptwerkes lässt Schopenhauer sich als Universitätsdozent in Berlin, zu Anfang der 1830er Jahre in Frankfurt nieder. Er lebt hier fast drei Jahrzehnte als Privatgelehrter, gänzlich der Vervollständigung und Verdeutlichung seines philosophischen Lebenswerkes hingegeben. Am 21.September 1860 stirbt er in Frankfurt, wissend, dass sein Werk endgültig angekommen ist.  

Gustav Schwantes

 

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