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Detlev von Liliencron Trutz Blanke Hans


Anfang 1882 wurde ein Mann auf der nordfriesischen Insel zum Hardesvogt ernannt, der später einige Berühmtheit erhielt. Dieser Stellvertreter des Landrates vor Ort hieß eigentlich Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron, (* 3. Juni 1844 in Kiel; † 22. Juli 1909 in Alt-Rahlstedt), heute bekannt als Detlev von Liliencron. Die Insel gehörte mittlerweile zu Preußen. 
Die Schillerstiftung ermöglicht ihm 1890/91 einige Zeit in München, wo einige seiner Gedichte in der Zeitschrift „Die Gesellschaft“ veröffentlicht werden. Dort pflegt er unter anderem Umgang mit Otto Julius Bierbaum (auch bekannt unter den Pseudonymen Martin Möbius und Simplicissimus).
1891 zog er nach Altona-Ottensen und lernte Gustav Falke kennen, zählte ihn später zu seinen Freunden. Auf Pellworm schon entstand sein später berühmtestes Werk, das Gedicht Trutz, Blanker Hans.

 

 

 

 

Detlev von Liliencron wird von seiner Frau  geschieden und zieht an die Palmaille um.  Hier verfasst er unter anderem sein Hauptwerk „Poggfred“ und lernt Richard Dehmel kennen. 1900 schließt er sich dem literarischen Kabarett „Überbrettl“ in Berlin an. Er wirkt an dem Etablissement als "literarischer Oberleiter". Aber so richtig gut geht es immer noch nicht obwohl wieder verheiratet und die Tochter Abel und der Sohn Wulff auch schon da sind. So zieht er mit Hilfe seiner Freunde 1901 in eine Wohnung in Alt-Rahlstedt und erhält von Kaiser Wilhelm II. ein jährliches Ehrengehalt von 2.000 Goldmark. Eine besondere Ehrung erwartet ihn zu seinem 60. Geburtstag.  Eine deutsche und österreichische Festschrift erscheint, an der sich die bekanntesten Schriftsteller der Zeit beteiligen und die vom Maler und Illustrator Heinrich Lefler gestaltet wird. 
Kurz vor seinem Tod wird Detlev von Liliencron von der Universität Kiel die Ehrendoktorwürde verliehen. 
Seine letzte Reise führte ihn zu den Schlachtfeldern des Deutsch-Französischen Krieges
Am 22. Juli stirbt Detlev von Liliencron an den Folgen einer Lungenentzündung. Seine Grabstätte ist auf dem Alt-Rahlstedter Friedhof.
Die deutsche Gruppe Santiano verarbeitete einige teils leicht abgeänderte Verse der Ballade in ihrem 2015 erschienenen Lied "Rungholt" auf dem Album "Von Liebe, Tod und Freiheit".
Sein Gedicht von Sturmflut und Rungholt packt heute noch immer die hiesige Bevölkerung, es gehört zum aktuellen Lerninhalt jeder Schule an der Westküste Schleswig-Holsteins.
Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Noch schlagen die Wellen da wild und empört,
Wie damals, als sie die Marschen zerstört.
Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte,
Aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:
     Trutz, Blanke Hans.

Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,
Liegen die friesischen Inseln im Frieden.
Und Zeugen weltenvernichtender Wut,
Taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.
Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten,
Der Seehund sonnt sich auf sandigen Platten.
     Trutz, Blanke Hans.


Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde
Ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.
Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,
Die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand.
Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen
Und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen.
     Trutz, Blanke Hans.

Doch einmal in jedem Jahrhundert entlassen
Die Kiemen gewaltige Wassermassen.
Dann holt das Untier tief Atem ein,
Und peitscht die Wellen und schläft wieder ein.
Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken,
Viel reiche Länder und Städte versinken.
     Trutz, Blanke Hans.

Rungholt ist reich und wird immer reicher,
Kein Korn mehr faßt der größeste Speicher.
Wie zur Blütezeit im alten Rom,
Staut hier täglich der Menschenstrom.
Die Sänften tragen Syrer und Mohren,
Mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.
     Trutz, Blanke Hans.

Auf allen Märkten, auf allen Gassen
Lärmende Leute, betrunkene Massen.
Sie ziehn am Abend hinaus auf den Deich:
Wir trotzen dir, blanker Hans, Nordseeteich!
Und wie sie drohend die Fäuste ballen,
Zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen.
     Trutz, Blanke Hans.

Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,
Der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen.
Der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,
Belächelt der protzigen Rungholter Wahn.
Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen
Das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen.
     Trutz, Blanke Hans.

Und überall Friede, im Meer, in den Landen.
Plötzlich wie Ruf eines Raubtiers in Banden:
Das Scheusal wälzte sich, atmete tief,
Und schloß die Augen wieder und schlief.
Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen
Kommen wie rasende Rosse geflogen.
     Trutz, Blanke Hans.

Ein einziger Schrei – die Stadt ist versunken,
Und Hunderttausende sind ertrunken.
Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,
Schwamm andern Tags der stumme Fisch.
Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
     Trutz, Blanke Hans?

aus: Detlev von Liliencron: Ausgewählte Werke. S. 209-211
Herausgeber: Hans Stern
Erscheinungsdatum: 1883 (Erstausgabe), 1964 (Vorlage)
Verlag: Holsten-Verlag
Erscheinungsort: Hamburg

Udo Lindenberg

 

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