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Lübecks glückloser Bürgermeister Jürgen Wullenwever

Vom Reichtum seines Vaters Joachim Wullenwevers ist Jürgen nicht viel geblieben. Sein Vater stammte aus einer Perleberger Kaufmannsfamilie und begann in Hamburg um 1481 herum als Wandschneider.  Diese Wandschneider, oder auch Gewandschneider genannt, waren Kaufleute, die mit auswärtigen Tuchen handelten. Die Tuche kamen zuerst noch aus der Toskana, aus den Niederlanden und Flandern, später auch aus England, Aachen oder dem Schwabenland. 

Nicht wenig kam hinzu als dieser Anneke Schroder (1460–1488) heiratete, die Tochter des Münzmeisters und Wandschneiders Hans Schroder. Jürgen, spätestens also 1488 in Hamburg geboren musste aber mit seinen Geschwistern teilen, sein älterer Bruder Joachim (1486–1558) war als Ratsherr in Hamburg bei der dortigen Einführung der Reformation beteiligt, ein weiterer Bruder Hans war Kaufmann. 
In Hamburg war Jürgen Mitglied der ehrwürdigen Hamburger Flandernfahrer. Vielleicht hatte er auch Schulden. 1525 kam er, bis dahin mäßig erfolgreich also, nach Lübeck und heiratete die Lübecker Kaufmannswitwe Elisabeth Peyne, die aus der Patrizierfamilie Greverade stammte. Er wohnte im Haus ihres Bruders in der Königstraße 75, Ecke Hüxstraße. 

Unheil in der Ostsee

Es gelang ihm nicht nur sich in der Hauptstadt der Hanse Lübeck eine neue Existenz aufzubauen,  er muss aber auch selbst ein Haus in der Stadt besessen haben, denn Urkunden von 1526 und 1529 bezeichnen ihn als „boseten borger“, als Vollbürger mit Grundbesitz. 
Anfang 1530 hatte er sich einen Namen als Lutheraner und vor allem als guter Redner gemacht, so gehörte er zu den 16 Bürgern, die mit dem Rat über besseren Schutz der Evangelischen verhandelten. Die Stadt beschloss, sich dem Schmalkaldischen Bund anzuschließen. Aus Protest dagegen verließen am Karsamstag, den 8. April 1531, zwei der vier Bürgermeister, Nikolaus Brömse und Hermann Plönnies, heimlich die Stadt. Sie reisten an den Hof Kaiser Karl V., um dessen Hilfe gegen die reformatorischen Kräfte zu suchen und die Unruhe nahm in Lübeck nicht ab. So gelangte Jürgen Wullenwever bei einer Wahl am 21. Februar 1533 in den Rat und wurde am 8. März erster Bürgermeister Lübecks und blieb dies bis 1535.
Zu diesem Zeitpunkt ging es Lübeck schon länger nicht mehr so gut wie früher. Die Warenströme vom Westen Europas, die über Lübeck zum Nord-Osten flossen, drohten zu versiegen. Der größte Wettbewerb drängte mit der eigenen holländischen Flotte direkt in den Ostseeraum.  
Bei der Suche nach Verbündete für einen Kampf gegen die störenden Holländer setzte Jürgen Wullenwever einen hohen Preis aus. Die eigenen Partner im Hansebund versagten Lübeck die Unterstützung, so bot er verschiedenen deutschen Fürsten an mit Lübecker Hilfe den dänischen Thron zu erlangen. 
1533 kam es zu Kaperfahrten gegen die Holländer an denen auch lübsche Schiffe teilnahmen. Sehr erfolgreich verliefen die Aktionen jedoch nicht, so dass es zu Friedensverhandlungen in Hamburg kam. Wullenwever stand schon unter großer Kritik. Als Hinrich Brömse, der Bruder des schon erwähnten Bürgermeisters Nikolaus Brömse, im Namen des Kaisers die Wiederherstellung der alten Ordnung in Lübeck forderte, verließ Jürgen Wullenwever vorzeitig die Versammlung.
Zur Finanzierung seines Kaperkrieges hatte Wullenwever mindestens die Kloster in Reinfeld und Reinbek überfallen und gebrandschatzt und dabei mehr als 96 Zentner Gold und Silber, einschmelzen lassen. Messingleuchter wurden in Kanonen umgeschmolzen. Damit hatte er im Innern nicht nur die Opposition erzürnt, sondern sich auch außenpolitisch viele Feinde gemacht. Der holsteinische Adel, der einen Teil der Domherren stellte, ging auf die Barrikaden.

 

 

 

 

Die Nachfolge für den toten dänischen König Friedrich I. war im April 1534, also schon 12 Monate nach dem Tod immer noch nicht geklärt. Friedrich war der Nachfolger des abgesetzten Christian II. .
Dieser wurde ja unter anderem deshalb abgesetzt, weil er sich gewaltsam und im Alleingang Zugang zum „Landesarchiv“ auf der Siegesburg in Segeberg verschafft hatte. Eigentlich war Christian eingeschworener Lutheraner, nach seiner Absetzung reiste er mit seiner Frau nach Wittenberg und besuchte Martin Luther. Christian und Isabella empfingen beide das Abendmahl und bekannten sich damit zur lutherischen Kirche. In Wittenberg lernten sie auch Melanchthon und Lucas Cranach d.Ä., in dessen Haus sie vermutlich bis Juli 1524 lebten. 1524 gab er auch das Neue Testament auf Dänisch heraus.
Im April 1534 befand er sich aber im Exil auf Schloss Sonderburg. Sein Vetter, der Graf von Oldenburg, bat Lübeck um Unterstützung zur Befreiung und Ausschuss, Rat und Gemeinde stimmten geschlossen für den Eintritt Lübecks in diesen dänischen Erbfolgekrieg, besser bekannt als Grafenfehde. Und ohne Kriegserklärung fiel der Lübecker Feldherr Marx Meyer in Holstein ein. Das Überraschungsmoment war zunächst auf seiner Seite, aber richtige Erfolge stellten sich immer seltener ein. König Christian III. (* 12. August 1503 auf Schloss Gottorf; † 1. Januar 1559 auf Koldinghus) war von 1534 bis 1559 König von Dänemark und Norwegen, da aber noch Herzog. Er belagerte daraufhin Lübeck und unterband durch die Blockade von Travemünde jeden Handel. Wullenwevers machte sich dadurch nirgendwo mehr Freunde.
Am 18. November 1534 beendete der Frieden von Stockelsdorf den unseligen Krieg in Holstein, während in Dänemark weitergekämpft wurde. Das blockierte und besetzte Travemünde wurde gegen das vom Hauptmann Marx Meyer besetzte Trittau zurückgetauscht.
In der Ostsee wurde immer noch gekämpft und gekapert. Bis zum Juni 1935 als die Lübecker Flotte unterging. Jetzt beschuldigten ehemaligen Anhänger Wullenwever des Verrats. Noch hatte er Rückhalt bis zum 7. Juli. Da traf ein kaiserliches Exekutional-Mandat ein, das die Wiederherstellung der alten Ordnung und die Wiedereinsetzung Nikolaus Brömses forderte. Ein Großteil der Bürger und auch der Ratsherren ließ sich lange von Wullenwever überzeugen, dass sein Rücktritt damit nicht gemeint sei. 
Der Kaufmann Godeke Engelstede, sein Haus stand in der Johannisstraße 72. In den Akten ist er 1529 als Vorsteher der Sängerkapelle der Marienkirche erwähnt finanzierte 1533 zusammen mit Johann von Achelen und Jacob Krabb den Druck der ersten vollständigen von Johannes Bugenhagen in die niederdeutsche Sprache übertragenen Lutherbibel in Lübeck.  Ende 1534 begleitete er noch Jürgen Wullenwever bei Friedrich I., immer ging es um Geld. Zum Hansetag im Juli 1535 in Lüneburg, auf dem die Lübecker Politik in der Grafenfehde missbilligt wurde, war er ein Abgesandter für Lübeck, er reiste von dort nach Oldesloe und Reinfeld (Holstein) zu Konsultationen mit den Räten König Christians III. von Dänemark.
Erst am 26. August 1535, dem letzten Tag vor Ablauf des kaiserlichen Ultimatums, trat er auf Druck des Hansetages gemeinsam mit dem Bürgerausschuss und allen anderen aus diesem Kreis in den Rat Gekommenen zurück.
Um Wullenwever einen ehrenhaften Rückzug zu ermöglichen, sollte er in Bergedorf den Posten des Amtsmanns übernehmen, was er aber nicht tat. Vielmehr versuchte er jetzt Söldner anzuwerben. Sie sollten in Dänemark Kopenhagen und Malmö unterstützen. Der selbsternannte Feldherr agierte dafür südlich von Hamburg.  Im November 1535 trat dann der Erzbischof von Bremen, Christoph von Braunschweig-Lüneburg, genannt Der Verschwender, auf den Plan. Er galt als verschwenderisch und zügellos. Weil er geliehenes Geld nicht zurückzahlen wollte, wurde Anfang 1545 sein Kloster Harsefeld durch den Mecklenburger Ritter Joachim Pentz aus Gadebusch überfallen. Der Erzbischof nahm ihn gefangen, im März 1536 in Rotenburg dann mehrmals verhört und gefoltert. Zum Teil sollen die Lübecker Ratsherren Nikolaus Brömse, Nikolaus Bardewik und Joachim Gercken dabei gewesen sein. Dem Gegenspieler Melchior Rantzau gegenüber soll er von einer Verschwörung geredet haben, einige seiner Mitstreiter wurden daraufhin auch festgesetzt, später aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Nur der ehemalige Bürgermeister Ludwig Taschenmaker überlebte die Haft, in den letzten Tagen dann Hausarrest genannt am 14. September 1536 in Lübeck nicht.
Dramatisch wird jetzt sein Ende. Der Bruder des Bremer Erzbischofes, Fürst Heinrich II. von Braunschweig-Wolfenbüttel soll ihn persönlich mit dem Schwert hingerichtet haben, obwohl er seine Geständnisse widerrufen haben soll. Das war am 24. September 1537 am Hohen Gericht am Lechlumer Holz, bei Wolfenbüttel. Damit aber nicht genug, sein Körper wurde viergeteilt und auf vier Räder gelegt.
Jetzt sind Straßen nach ihm benannt und vieles mehr.

Daniela Ziegler