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Störtebeker und die Piraten

Was für ein eigenartiges Phänomen der Kulturgeschichte? Was reizt uns, unsere Kinder bei Maskeraden sich nicht nur als Prinzen, Cowboys, Indianer oder Superman verkleiden zu lassen, sondern auch als Piraten?

Dabei begingen die Piraten doch die grauenhaftesten Verbrechen, die man sich vorstellen kann.
Nun, die Piraterie war immer schon verbunden mit den Aufschwüngen des Seehandels beginnend ja mit dem Aufstieg der Hanse, wurde dann aber jeweils bald unterdrückt. Der vermeintlich heldenhafte und ruhmreiche Charakter der Piraterie, Reichtum, schöne Frauen, alkoholbedingte Exzesse im herrschaftsfreien Raum der hohen See haben wesentlich zur bleibenden Faszination der Figur eines Piraten beigetragen. Die Darstellung der Piraten schwankt hierbei zwischen Dämonisierung, Augenklappe, verlorene Gliedmaßen wie beim Schiffskoch John Silver oder der fehlenden Hand bei Kapitän Hook  und romantisch verklärter Überhöhung wie bei Captain Jack Sparrow.
Das Symbol der Piraten: Der "Jolly Roger" oder "Black Jack"

Jolly Roger
Jolly Roger oder Black Jack

In den Geschichten mit Peter Pan des Autors J. M. Barrie (1860–1937) trägt das Piratenschiff von Captain Hook den Namen „Jolly Roger“.


Was muss aber noch dazukommen?
Ein Teil der Bevölkerung sieht in der Piraterie eine lohnende Alternative zu anderer Beschäftigung. Es wird nur verschämt darüber berichtet, dass dieses auch heute vor allem auf Schwellenländer und einzelne große Häfen mit wenig effizienten Behörden zutrifft, sowie auf Seegebiete, wo wichtige internationale Schifffahrtsrouten an Küsten entlangführen, an denen dadurch die lokalen Behörden wegen mangelnder Größe überfordert sind. Relativ hohe Risiken für die Schifffahrt bestehen im Gebiet um Indonesien und in der Straße von Malakka, vor West- und Ostafrika einschließlich des Golfes von Aden sowie vor Chittagong. Daneben gibt es noch in der Karibik und in Indien nennenswerte Piraterie. Weit überwiegend ist dann die Frachtschifffahrt betroffen, die meist ihres Bargeldes und der Wertgegenstände, seltener des Schiffes oder der Ladung beraubt wird. Um Somalia finden in jüngerer Zeit zunehmend Entführungen von Schiff und Besatzung mit Erpressung der Reedereien statt. Da haben dann auch ganze Regierungen die Finger drin. Auch das war schon immer so.
Bereits im Spätmittelalter begannen Landesherren und Städte, die sich gegenseitig nicht grün waren damit, Schiffskapitäne mit Kaperbriefen auszustatten. Dadurch erhielten die Kaperfahrer theoretisch eine gewisse Legalität. Von der Gegenseite sollte man offiziell als Kombattanten behandelt werden, allerdings nur so lange, wie der kriegerische Konflikt andauerte. Machten sie aber nach einem Friedensschluss weiter – was leicht geschah, da sie im Gegensatz zu Söldnern keinen festen Sold erhielten, sondern nur einen Anteil an der Beute (Prise) –, machte dies sie umgehend zu gewöhnlichen Piraten. So kam es im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts im Herrschaftsbereich der Hanse in der Ostsee zu einem bedeutenden Anstieg des Piratenwesens. Das Unwesen blühte auch elbabwärts bis in die Nordsee hinein, ob mit schnellen oder gekaperten Schiffen oder vom Strand als Strandräuber aus. Die Vitalienbrüder oder Likedeeler bedrohten und schädigten den Handel der "Pfeffersäcke", der hanseatischen Kaufleute also zeitweilig ernsthaft. Wie einige spätere Seeräuber im so genannten „Goldenen Zeitalter“ teilten sie ihre Beute zu gleichen Teilen. Daher die Bezeichnung als Likedeeler (Niederdeutsch für „Gleichteiler“).
Über die Art der Bestrafung war man sich weitgehend einig.
Durch die Todesstrafe wurden allein zwischen 1390 und 1597 beispielsweise mindestens 428 Freibeuter auf dem Grasbrook, einer Insel vor den Toren Hamburgs, hingerichtet. Unter ihnen waren nachweislich die Vitalienbrüder Gödeke Michels und Magister Wigbold sowie mutmaßlich Klaus Störtebeker.
Um seine Person ranken sich zahlreiche Legenden, die jedoch allesamt nicht historisch belegt sind. Die Legenden werden mit einem Nicolao (Nikolaus) Storzenbecher (* um 1360; † vermutlich am 20. Oktober 1401 in Hamburg) und mit einem aus Danzig stammenden Johann Störtebeker (der mindestens bis 1413 lebte) in Verbindung gebracht. Die einzigen Personen, die seinerzeit nachweislich kriminell gewesen sind.
Ein Stötebeker soll aus dem Gold eines Schatzes, versteckt im Mast seines Schiffes, die Krone für den Turm der Hamburger St.-Katharinen-Kirche angefertigt haben lassen und vieles sagenhaftes mehr.
Diese Legende Klaus, Klaas oder Claas Störtebeker eignet sich hervorragend dazu eine Namensherkunft (von "Stürz' den Becher") zu konstruieren, gut natürlich für den Bierabsatz des heutigen Störtebeker Pils. Man stellt ihn deshalb gleich mit den berüchtigten Kapitänen Gödeke Michels, Hennig Wichmann, Klaus Scheld und Magister Wigbold einer der Anführer der auch als Likedeeler (niederdeutsch: Gleichteiler) bezeichneten Vitalienbrüder.
Es gibt aber übereinstimmend keinen Beleg dafür, dass weder Nicolao Storzenbecher noch Johann Störtebeker bei der legendären Hinrichtung auf dem Grasbrook dabeigewesen sein können. 
Ein nachträgliches Flugblatt (aus dem Jahr 1701), einsehbar im Hamburger Staatsarchiv lud zum Beisein bei seiner Hinrichtung ein.
Der damalige Hamburger Bürgermeister Kersten Miles (* um 1340 in Hamburg; † 1420 ebenda) wurde 1374 Hamburger Ratsherr und war von 1378 bis 1420 Hamburger Bürgermeister soll an der Hinrichtung beteiligt gewesen sein und ihm versprochen haben, alle Männer zu verschonen, an denen er nach seiner Enthauptung vorbeilaufen könnte. An elf Männern soll er ohne Kopf noch vorbei gelaufen sein, bevor ihm der Henker den Richtblock vor die Füße warf (Einigen Quellen nach "ihm ein Bein stellte"). Miles brach sein Versprechen und alle 73 Seeräuber wurden enthauptet. Eine weitere Legende wird noch erzählt. So soll der Scharfrichter Rosenfeld aus Buxtehudealle 73 Enthauptungen selbst und fehlerfrei durchgeführt haben. Als ihn ein Mitglied des Rates darob lobte, soll er patzigerweise gesagt haben, "das sei noch gar nichts, er könne auch noch den gesamten versammelten Rat abtun". Daraufhin soll er festgesetzt worden sein und vom jüngsten Ratsmitglied selbst enthauptet worden sein. Die Köpfe der Seeräuber wurden längs der Elbe aufgespießt. 
Einer dieser Köpfe ist im Hamburg-Museum zu sehen.
Im Hamburg Dungeon wird oft diese Hinrichtung nachgestellt, gruselig oder?

Jetzt werden jährlich  In Ralswiek auf Rügen auf einer Naturbühne die Störtebeker-Festspiele veranstaltet. Die Stralsunder Brauerei war zwischenzeitlich Sponsor und benannte sich in Störtebeker Braumanufaktur um. Die Stars auf der Bühne sind oder waren schon Wolfgang Lippert oder Mircea Krishan.
Die jährlichen Besucherzahlen liegen oft über den von den Karl-May-Festspielen, Bad Segeberg.

Auch im benachbarten Grevesmühlen findet seit 2005 jeweils von Ende Juni bis Anfang September ein Piraten-Open-Air statt. Auch dies gehört zu den erfolgreichsten Open-Air-Theatern in Mecklenburg-Vorpommern. Die Zuschauertribüne hat eine Kapazität von 1500 Plätzen und die Bühne eine Spielfläche von mehr als 8000 m².

Hier ist es auch Tradition, das Ensemble mit bekannten Stars zu verstärken. So waren unter anderem Martin Semmelrogge, Dustin Semmelrogge, Joanna Semmelrogge, Rocco Stark, Peter Bond, Andreas Conrad sowie Klaus Tilsner bereits auf der Freilichtbühne zu sehen.

Nach dem berüchtigten Bürgermeister wurde die Kersten-Miles-Brücke in Hamburg, die Kersten-Miles-Straße in Cuxhaven sowie eine Vielzahl Schiffe und Boote benannt.
Auf dem Grasbrook (der heutigen HafenCity) steht das Störtebeker-Denkmal von Hansjörg Wagner.

 

 

 

 

Christian zu Stolberg-Stolberg