Theodor Schwartz (SPD) - Vom Lehrling zum Reichstagsabgeordneten

Nicht bei Kollmann & Schetelig, der großen Maschinenbaufirma und Eisengiesserei in Lübeck (auf dem Gelände der späteren LMG), sondern in der Eisengießerei Nöltingk, die eher für Lübeck unbedeutend war erlernte der später am 28. Februar 1890 gewählte Reichstagsabgeordnete Theodor Schwartz (SPD) den Beruf des Formers. Beispielhaft für die vielen namenlosen Lehrlinge Nöltingks und Kollmann & Scheteligs soll hier an dieser Stelle kurz der Werdegang von Johann Carl Theodor Schwartz (* 14. April 1841 in Lübeck; † 10. April 1922 ebenda) aufgezeigt werden, um zu ermessen, wie sich der Lebensweg einfacher Arbeiter um die Mitte des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Fällen dargestellt haben wird, die zum Beispiel den Beruf eines Formers erlernten. Schwartz wurde 1841 in Lübeck geboren. Kollmann & Schetelig rüstete 1849 Lübecks ersten Dampfbagger mit Teilen aus. Die Dampfbagger hatten die Aufgabe die Trave schiffbar zu halten.
Schwartz' Vater war ein einfacher Arbeitsmann gewesen, der im August 1812 in Klein Grönau, einer heute noch dörflichen Ortschaft ca. 10 Kilometer vor der Altstadtinsel Richtung Ratzeburg gelegen, geboren worden war. Der Vater verstarb früh im Alter von nur 35 Jahren. Sein sechsjähriger Sohn hatte ihn kaum gekannt. Er war verheiratet mit Christina Catharina Margaretha, geb. Grube. Sie stammte aus Schenkenberg und kam am 15. Juni 1814 zur Welt. Als sie ihren Sohn Theodor gebar, den sie nach dem Tod ihres Mannes allein ernähren und erziehen musste, war sie 27 Jahre alt. Sie starb erst im Jahre 1902 und konnte den Entwicklungsgang ihres Sohnes viele Jahre verfolgen. Der kleine Theodor kam im Jahre 1848 in die Armenschule Lübecks und blieb dort bis 1855.
Überliefert ist, dass er aber schon im Alter von 8 Jahren Geld zu verdienen hatte, damit er und seine Mutter leben konnten. Nach dem Besuch der Armenschule begann er die Ausbildung zum Former bei Nöltingk. Aufgrund der großen Wirtschaftskrise 1857 in Europa musste er diesen Beruf aber aufgeben. Er fuhr deshalb erst als Schiffsjunge und später als Schiffskoch zur See. Die Seefahrt, die er mit größeren Unterbrechungen erst 1887 völlig aufgab, hatte als typisches Merkmal, dass sie im Winter aufgrund der Witterung ruhen musste. So ist beispielsweise überliefert, dass Schwartz im Winter 1860/61 durch Deutschland wanderte, um als Former Arbeit anzunehmen. 1865, im Alter von vierundzwanzig Jahren, heiratete er eine acht Jahre ältere Frau. Die Ehe blieb kinderlos.


Zur Jahreswende 1867/68 gelang es ihm in Lübeck als Former eingestellt zu werden. Im Januar 1868 begann dann seine politische Karriere mit dem Beitritt in den Allgemeinen Deutschen Arbeiter Verein (ADAV), der in Lübeck 1866 gegründet worden war. Nicht zuletzt sein rednerisches Talent ermöglichte es ihm, 1876 als Kandidat der SPD bei einer Reichstagswahl aufgestellt zu werden. Er hatte viele berufsbezogene Ämter inne, im Jahr 1890 war Schwartz einer der Mitbegründer der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands. Von 1895 bis 1919 war Schwartz Geschäftsführer des Lübecker Volksboten. Julius Leber wurde 1921 Chefredakteur dieser Zeitung. Auch Erich Mühsam und Willy Brandt veröffentlichten in diesem Blatt. Theodor Schwartz trat zu der Zeit aber bereits in den Ruhestand.
Die Lebensdaten Schwartz' zeigen, wie wechselvoll der Lebensweg einfacher Arbeiter um die Mitte des 19. Jahrhunderts aussehen konnte, die auch bei Kollmann & Schetelig Arbeit und Verdienst fanden. Ein anderer berühmter Lübecker hatte seine Lehre nachweislich bei Kollmann & Schetelig abgeleistet. Es war der spätere Werftbesitzer Hermann Blohm, der hier zwischen 1866 und 1868 einen Teil jener Kenntnisse erwarb, die ihn befähigten, die Hamburger Großwerft Blohm & Voss zu gründen und erfolgreich zu leiten. 


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