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Thomas Mann und die Buddenbrooks

Paul Thomas Mann (* 6. Juni 1875 in Lübeck; † 12. August 1955 in Zürich) war ein deutscher Schriftsteller, der unter der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 in die Schweiz emigrierte und 1939 in die USA zog.

1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger, kehrte aber 1952 in die Schweiz zurück. Er zählt zu den bedeutendsten Erzählern deutscher Sprache im 20. Jahrhundert. In den USA ist Thomas Mann heute nach Adolf Hitler der zweitbekannte Deutsche.

Thomas Mann

Der aus einer reichen und angesehenen Lübecker Patrizier- und Kaufmannsfamilie stammende Schriftsteller war verheiratet mit Katia Mann (geborene Katharina Hedwig Pringsheim), die ihn zu mehreren seiner literarischen Figuren und Werke inspirierte. Thomas Mann war der zweite Sohn des Kaufmanns und Lübecker Senators Thomas Johann Heinrich Mann. Er wurde am 11. Juni 1875 in der Marienkirche zu Lübeck evangelisch getauft. Sein älterer Bruder Heinrich und drei seiner sechs Kinder, Erika, Klaus und Golo, waren ebenfalls Schriftsteller.
1894 verließ er als Obersekundaner vorzeitig das Katharineum zu Lübeck und ging nach München.
Für seinen ersten Roman Buddenbrooks (1901) erhielt er 1929 den Nobelpreis für Literatur.
Als Vorlage der Handlung diente Thomas Manns eigene Familiengeschichte. Schauplatz des Geschehens ist seine Heimatstadt Lübeck. Das Holstentor, Fischergrube und Mengstraße, die für Lübeck typischen Straßenbezeichnungen Gruben und Twieten, die Trave, Travemünde und die Straße dorthin, Schwartau mit Erwähnung des Schwartauer Marktplatzes mit dem „Schwartauer Pfefferkuchenhaus“, die „Wilhelmsquelle“ im Riesebusch sowie Angaben zur Stadtgeschichte. Auch ohne dass der Name der Stadt ausdrücklich erwähnt wird, sind viele Nebenfiguren nachweislich literarische Porträts von Lübecker Persönlichkeiten jener Zeit.
2005 sorgte die zur Feier von Thomas Manns 50. Todestag ausgestrahlte TV-Film-Serie Die Manns – Ein Jahrhundertroman (von Heinrich Breloer) für ein neu erwachtes Interesse an den Buddenbrooks. Die deutschen Ausgaben des Romans erreichten bis 2010 eine Verbreitung von über neun Millionen Exemplaren. Bis zum Jahr 2000 war Buddenbrooks in 38 Sprachen übersetzt, zuletzt ins Isländische.
 

Unvergessen der Wahlspruch der Buddenbrooks:

„Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können“.


 

Zahlreiche Kinofilme wurden aufgeführt:
•1923: Stummfilm Buddenbrooks Regie: Gerhard Lamprecht, mit Peter Esser (Thomas), Mady Christians (Gerda), Alfred Abel (Christian), Charlotte Böcklin, Hildegard Imhof und Ralph Arthur Roberts
•1959: Kinofilm Buddenbrooks, Regie: Alfred Weidenmann, mit Liselotte Pulver, Nadja Tiller, Hansjörg Felmy, Hanns Lothar, Robert Graf, Rudolf Platte, Lil Dagover, Günther Lüders, Gustav Knuth, Helga Feddersen und Werner Hinz
•1979: Fernsehfilm Die Buddenbrooks, Regie: Franz Peter Wirth (Buch: Bernt Rhotert), mit Carl Raddatz, Volkert Kraeft, Michael Degen, Reinhild Solf, Marion Kracht, Ursula Dirichs, Ruth Leuwerik und Martin Benrath, 
•2008: Buddenbrooks, Kinofilm von Heinrich Breloer, mit Armin Mueller-Stahl (Konsul), Iris Berben (Konsulin), Jessica Schwarz (Tony), Mark Waschke (Thomas) und August Diehl (Christian)


 

Ein großes Lebenswerk entstand mit Romanen, Erzählungen und Novellen wie zum Beispiel Der Zauberberg, Lotte in Weimar, Doktor Faustus, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Der Tod in Venedig usw.  
Die Ermordung des Reichsaußenministers Walther Rathenau am 24. Juni 1922 war mitauslösend für Manns Entscheidung, öffentlich für die Weimarer Republik und ihre Werte einzutreten. Mit seiner Rede Von deutscher Republik trat er zum ersten Mal als politischer Mahner und Befürworter der neuen Staatsform hervor. Demokratie und Humanität, so Mann, seien eins, und da der Mensch dem Prinzip der Humanität folgen solle, habe er also nach einem demokratischen Zusammenleben zu streben. Er wurde auch Mitglied der Liberaldemokratischen Deutschen Demokratischen Partei.
Die Reichstagswahl 1930 hatte den Nationalsozialisten einen gewaltigen Stimmenzuwachs beschert. Thomas Mann, der, wie viele andere Skeptiker, den wachsenden politischen Einfluss der NSDAP mit Misstrauen beobachtet hatte, entschloss sich zu einem Appell an die Vernunft, einer Rede, die er am 17. Oktober 1930 im Berliner Beethoven-Saal hielt und die als „Deutsche Ansprache“ in die Geschichte einging.

Als alle Mitglieder der Sektion Dichtkunst bei der Preußischen Akademie der Künste aufgefordert wurden, gegenüber der nationalsozialistischen Regierung eine Treueerklärung abzugeben, erklärte Mann mit einem Schreiben an den Akademie-Präsidenten Max von Schillings vom 17. März 1933 seinen Austritt.
Im Februar 1933 jährte sich Richard Wagners Todestag zum 50. Mal. Mann erreichten mehrere Einladungen, aus diesem Anlass einen Vortrag zu halten. Am 10. Februar hielt er diesen (Leiden und Größe Richard Wagners) zunächst im Auditorium maximum der Universität München, um am folgenden Tag mit seiner Frau eine längere Reise ins Ausland anzutreten: Die Vortragsreise führte sie nach Amsterdam, Brüssel und Paris, danach folgte ein Winterurlaub in Arosa. Nicht zuletzt auf Drängen von Erika und Klaus Mann sollten sie von dieser Reise nicht mehr nach München zurückkehren.
Der Entschluss, Deutschland den Rücken zu kehren, fiel den Manns nicht leicht. Unter anderem mussten sie ihr Sachvermögen zurücklassen.
Die erste Station des Exils war Sanary-sur-Mer in Frankreich. Dann zogen die Manns in die Schweiz und wohnten in Küsnacht in der Nähe von Zürich. 1934 und 1935 reisten die Manns die ersten beiden Male in die Vereinigten Staaten. Am 19. November 1936 wurde ihm auf seinen Antrag hin im tschechischen Konsulat die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft verliehen. Wenige Wochen später wurde ihm – gleichzeitig mit seiner Frau Katia und den Kindern Golo, Elisabeth und Michael – die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Zugleich entzog die Universität Bonn Mann die Ehrendoktorwürde, die ihm 1919 verliehen worden war.
Die endgültige Übersiedlung Thomas Manns und seiner Familie in die USA fiel zeitlich mit dem Berchtesgadener Abkommen zusammen, das zum Anschluss Österreichs an Deutschland führen sollte. Bei der Ankunft in New York am 21. Februar 1938 baten ihn Reporter daher um eine Stellungnahme zu jener Entwicklung und fragten ihn, ob er das Exil als eine schwere Last empfinde. Seine Antwort wurde am nächsten Tag in der New York Times abgedruckt:
“It is hard to bear. But what makes it easier is the realization of the poisoned atmosphere in Germany. That makes it easier because it’s actually no loss. Where I am, there is Germany. I carry my German culture in me. I have contact with the world and I do not consider myself fallen.”
„Es ist schwer zu ertragen. Aber was es leichter macht, ist die Vergegenwärtigung der vergifteten Atmosphäre, die in Deutschland herrscht. Das macht es leichter, weil man in Wirklichkeit nichts verliert. Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur in mir. Ich lebe im Kontakt mit der Welt und ich betrachte mich selbst nicht als gefallenen Menschen.“
Thomas Mann war einer von nur wenigen in der Öffentlichkeit aktiven Gegnern des Nationalsozialismus, auf die der deutsche Diktator in seinen Hetzreden namentlich einging.
Als einige Zeitungen nach Ende des Kriegs Thomas Mann als ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland ins Gespräch brachten, wies dieser das Ansinnen erschrocken von sich, meinte aber selbstbewusst in einem Anflug von Ironie: „Ich habe ein gewisses fürstliches Talent zum Repräsentieren – wenn ich einigermaßen frisch bin“. Ob er die Idee, das Amt zu übernehmen, jemals ernsthaft in Erwägung gezogen hätte, bleibt fraglich, denn Mann selbst hatte zwischen sich und einflussreiche literarisch-publizistische Kreise des westlichen Nachkriegsdeutschlands einen Keil getrieben.
Von der Politik der USA war Thomas Mann nach dem Tod des US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt im Jahr 1945 und besonders seit Beginn des Kalten Krieges 1947 zunehmend enttäuscht. Sein Entschluss, nach Europa zurückzukehren, verfestigte sich, als er im Juni 1951 vor dem Repräsentantenhaus im Kongress als “one of the world’s foremost apologists for Stalin and company” (deutsch: „einer der weltweit bedeutendsten Verteidiger von Stalin und Genossen“) bezeichnet wurde. Genau ein Jahr später, im Juni 1952, kehrten die Manns mit Tochter Erika in die Schweiz zurück, wo sie zunächst in einem gemieteten Haus in Erlenbach bei Zürich, ab 1954 dann in der angekauften Villa in Kilchberg, Alte Landstrasse 39, über dem Zürichsee lebten.
Schon 1949 hatte Thomas Mann anlässlich der Feiern zu Goethes 200. Geburtstag Deutschland einen Besuch abgestattet. Er besuchte Frankfurt am Main und Weimar, was von der westdeutschen Öffentlichkeit misstrauisch beäugt wurde, jedoch von Mann mit dem Satz kommentiert wurde: „Ich kenne keine Zonen. Mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet.“ In Frankfurt erhielt er den westdeutschen Goethe-Preis. 
Deutschland-Besuche von der Schweiz aus wurden zu einer festen Einrichtung.
Am 20. Mai 1955 besuchte er ein letztes Mal seine Vaterstadt Lübeck und bekam im Rahmen dieses Aufenthaltes die Ehrenbürgerwürde verliehen. In seiner Dankesrede nahm er Bezug auf seinen Vater, den ehemaligen Senator der Stadt: „Ich kann wohl sagen, sein Bild hat immer im Hintergrunde gestanden all meines Tuns, und immer habe ich es bedauert, daß ich ihm zu seinen Lebzeiten so wenig Hoffnung machen konnte, es möchte aus mir in der Welt noch irgend etwas Ansehnliches werden. Desto tiefer ist die Genugtuung, mit der es mich erfüllt, daß es mir gegönnt war, meiner Herkunft und dieser Stadt, wenn auch auf ausgefallene Weise, doch noch etwas Ehre zu machen.“

 

Besuch in Lübeck
1955: Besuch in Lübeck Foto: Die Lübecker Museen

Am 12. August 1955 verstarb Thomas Mann achtzigjährig im Zürcher Kantonsspital an einer Ruptur der unteren Bauchschlagader (Aorta abdominalis) infolge von Arteriosklerose.
Zur Beerdigung auf dem Kilchberger Friedhof am 16. August erschienen zahlreiche Trauernde aus dem In- und Ausland. Als einer der langjährigen Wegbegleiter des Verstorbenen schrieb Carl Zuckmayer in seinen Worten des Abschieds: „An diesem Sarg verstummt die Meinung des Tages. Ein Leben hat sich erfüllt, das nur einem einzigen Inhalt gewidmet war: dem Werk deutscher Sprache, dem Fortbestand europäischen Geistes.
Der 1975 vor dem Grundstück des früheren Geburtshauses in der Lübecker Breiten Straße in Buchform errichtete Thomas-Mann-Stein des Bildhauers Ulrich Beier zitiert ihn selbst mit seiner Rede zur Feier des 50. Geburtstages:
„Niemand von uns weiß, wie, in welchem Rang er vor der Nachwelt stehen, vor der Zeit bestehen wird. Wenn ich einen Wunsch für den Nachruhm meines Werkes habe, so ist es der, man möge davon sagen, daß es lebensfreundlich ist, obwohl es vom Tode weiß.“

 

Theodor Mommsen