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Der Lübecker Willy Brandt - Herbert Frahm

Willy Brandt (* 18. Dezember 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm in der Lübecker Vorstadt St. Lorenz-Süd geboren; † 8. Oktober 1992 in Unkel) war ein deutscher sozialdemokratischer Politiker.

Willy Brandt
Porträt Willy Brandt, Bundeskanzler 1969–1974, im Jahr 1980, Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Brandts Geburt war unehelich. Seine Mutter war die ihrerseits unehelich geborene Martha Frahm, geb. Ewert, eine Verkäuferin im Lübecker Konsumverein. Brandts Vater war der Hamburger Lehrer John Heinrich Möller († 1958), der 1912 und 1913 vorübergehend an einer Realschule in Lübeck unterrichtete. Martha Frahm nannte den Namen des Kindsvaters nicht, als die Geburt ihres Sohnes Herbert beim Standesamt eingetragen wurde. Als Geburtshaus gilt das Obergeschoss des Haus in der Meierstr. 16. Am 26. Februar 1914 ließ Martha Frahm ihren Sohn im Pastorat II der Lübecker Kirche St. Lorenz taufen; die Taufe in der Gemeindekirche wurde nichtehelich geborenen Kindern nicht zugestanden.

Brandts Interesse für Politik ist auf seinen Stiefgroßvater Ludwig Frahm zurückzuführen. Frahm gehörte der SPD an, war zeitweise Vertrauensmann seiner Partei im Lübecker Stadtbezirk Holstentor-Süd und kandidierte 1926 und 1929 auf der SPD-Liste für die Lübecker Bürgerschaft. Brandt wurde 1925 Mitglied der Kinderfreunde, einer Kindergruppe der Falken, ab April 1929 der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ), in der er als Mitglied der Lübecker Gruppe Karl Marx mit Unterstützung Julius Lebers einen radikalen Kurs vertrat. 1928 wurde Brandt Bezirksvorsitzender der SAJ.
In diesem Umfeld betätigte sich Brandt seit 1927 regelmäßig publizistisch. Der Lübecker Volksbote, die örtliche SPD-Zeitung, die von Julius Leber redigiert wurde, druckte im Februar 1927 einen Aufsatz Brandts mit zwei Zeichnungen über eine Tageswanderung des Schülers mit Freunden zur Travequelle ab. Ab 1928 veröffentlichte Brandt Texte zu politischen Themen. Leber unterstützte Brandt und förderte zugleich sein politisches Engagement. Brandt erklärte später, Leber habe ihn in diesen Jahren entscheidend beeinflusst. Unter seiner Journalistentätigkeit litten die schulischen Leistungen.
Brandt wuchs anfänglich im Haushalt seiner Mutter auf, die berufstätig war und ihn wochentags von einer Nachbarin versorgen ließ. Ab 1919 übernahm Brandts Stiefgroßvater Ludwig Frahm (1875–1935) die Betreuung des Kindes.
Brandt besuchte die St.-Lorenz-Knaben-Mittelschule am Marquardplatz, ab 1927 die Von Großheimsche Realschule in der Parade und wechselte 1928 zum Johanneum zu Lübeck, an dem er 1932 sein Abitur ablegte. Im Antrag auf Zulassung zum Abitur nannte er Journalist als Berufswunsch. Der Lehrer Eilhard Erich Pauls hat ihn tief beeindruckt. Brandt nannte ihn seinen “großartigen” Geschichts- und Deutschlehrer.  Pauls ließ Brandt im Abitur eine Geschichtsarbeit über August Bebel schreiben. Natürlich bekam er in Geschichte deshalb eine Eins.  Die SPD stellte Brandt zunächst ein Parteistipendium für ein Hochschulstudium in Aussicht. Nachdem er sich von seiner Partei im Streit getrennt hatte, entfiel diese Möglichkeit. Brandt begann stattdessen im Mai 1932 ein Volontariat bei der Schiffsmaklerfirma, Reederei und Spedition F. H. Bertling KG in Lübeck.
1930 trat Brandt der SPD bei. Im Oktober 1931 brach er, der SPD „Mutlosigkeit“ im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungen vorwerfend, mit Leber und der SPD und schloss sich der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) an, einer linkssozialistischen Gruppe, die sich im Herbst 1931 von der SPD abgespalten hatte. Brandt war Gründungsmitglied des Lübecker Ortsverbands der SAPD, Mitglied in ihrem Vorstand und übernahm zahlreiche organisatorische Aufgaben.
Nach der Machtergreifung 1933 wurde die SAPD verboten. Die Partei beschloss, im Untergrund gegen die Nationalsozialisten zu kämpfen. Willy Brandt erhielt im März 1933 den Auftrag, die Ausreise des SAPD-Leitungsmitglieds Paul Frölich nach Oslo zu organisieren. Frölich, der davor kommunistische Politiker, der dem Vorstand der KPD bis 1924 angehörte, wurde jedoch Ende März 33 auf Fehmarn festgenommen, so dass Brandt dessen Aufgabe übernahm, in Oslo eine Zelle der Organisation aufzubauen.
Brandt emigrierte mit dem Fischerboot TRA 10 von Travemünde über Dänemark nach Oslo, Norwegen. Diese Ausreise diente in  diffamierender weise, immer wieder, speziell im Wahlkampf 1972 eingesetzt seiner Herabwürdigung. Fälschlicherweise, der Initiator war offenbar der ehemalige Gestapo-Mitarbeiter und spätere Hamburger Kriminalobersekretär a.D. August Naujock, wurde er mit einem Messerangriff am 31. Juli 1932 in der Hundestr./Ecke Tunkenhagen auf den 26 jährigen Willi Meinen in Verbindung gebracht und wäre deshalb geflohen. Jedenfalls begann Willy Brandt 1934 in Oslo ein Geschichtsstudium, das er jedoch wegen seiner publizistischen Tätigkeit für norwegische Zeitungen und seines politischen Einsatzes wenig vorantrieb und nicht zu einem Abschluss brachte. In Oslo leitete er auch die Zentrale des SAPD-Jugendverbandes SJVD. Ferner vertrat er den SJVD von 1934 bis 1937 beim Internationalen Büro revolutionärer Jugendorganisationen des Londoner Büros.

Willy-Brandt-Haus
Willy-Brandt-Haus Lübeck Foto: Habersaat


 

Unter dem Decknamen Gunnar Gaasland kehrte er im Auftrag Jacob Walchers von September bis Dezember 1936 als Student nach Deutschland zurück. Er hielt sich als Kriegsberichterstatter in Berlin auf und sprach dabei Deutsch mit norwegischem Akzent. Der richtige Gunnar Gaasland war ab 1936 mit Gertrud Meyer, Brandts Lübecker Jugendfreundin, verheiratet, die ihrem langjährigen Gefährten im Juli 1933 nach Norwegen gefolgt war. Die Ehe mit Gaasland bestand auf dem Papier und gab „Trudel“, die bis 1939 mit Brandt zusammenlebte, die norwegische Staatsangehörigkeit. Gaasland stellte Brandt seinen Namen zur Verfügung und blieb in Norwegen.

Brandt war 1937 Berichterstatter für mehrere norwegische Zeitungen im Spanischen Bürgerkrieg. Am 16. Juni entging er in Barcelona einer Verhaftungswelle der Kommunisten gegen die POUM, der er nahestand, und kehrte nach Oslo zurück.
Am 5. September 1938 wurde er von der nationalsozialistischen Regierung ausgebürgert. Deswegen bemühte er sich um die norwegische Staatsbürgerschaft. Während der deutschen Besetzung Norwegens im Zweiten Weltkrieg geriet er 1940 vorübergehend in deutsche Gefangenschaft. Da er aber bei seiner Ergreifung eine norwegische Uniform trug und nicht enttarnt wurde, konnte er nach seiner baldigen Freilassung nach Schweden fliehen. In Stockholm gründete er zusammen mit zwei schwedischen Journalisten eine schwedisch-norwegische Presseagentur, die 70 Tageszeitungen in Schweden belieferte.
Im August 1940 wurde ihm von der Botschaft in Stockholm die norwegische Staatsbürgerschaft zugesprochen. Bis zum Ende des Krieges blieb er in Stockholm, wo er gemeinsam mit August Enderle federführend an der Wiederannäherung der SAPD-Exilanten an die SPD mitarbeitete.

1945 kehrte Brandt als Korrespondent für skandinavische Zeitungen nach Deutschland zurück und berichtete über die Nürnberger Prozesse. Nachdem er am 20. Mai 1946 mit einer Rede in Lübeck über Deutschland und die Welt Zustimmung der dortigen Sozialdemokraten erfahren hatte, stand im Sommer 1946 nach einem Gespräch mit Theodor Steltzer Brandts Rückkehr nach Lübeck zur Diskussion. Theodor Steltzer (* 17. Dezember 1885 in Trittau; † 27. Oktober 1967 in München) war ein deutscher Politiker (CDU) und von 1946 bis 1947 unter dem britischen Militärgouverneur Hugh Champion de Crespigny der eingesetzte Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein. Brandt sollte als Nachfolger von Otto Passarge Bürgermeister seiner Mutterstadt, wie er Lübeck nannte, werden. Nachdem ihm der norwegische Außenminister Halvard Lange vorschlug, als Presseattaché an die Norwegische Militärmission nach Berlin zu gehen und der norwegischen Regierung aus der Stadt vom beginnenden Kalten Krieg zu berichten, entschied er sich gegen seine Geburtsstadt, denn „Lübeck kam mir ein wenig eng vor“, nach seinen internationalen Erfahrungen seit der Emigration. Seiner Geburtsstadt blieb Brandt jedoch eng verbunden. So schloss er Wahlkämpfe bis hin zu Kommunalwahlkämpfen stets am Vortag der Wahl mit einer Kundgebung in Lübeck ab.
Am 1. Juli 1948 erhielt er von der schleswig-holsteinischen Landesregierung wieder die deutsche Staatsbürgerschaft.
Den Decknamen Willy Brandt, den er sich 1934 zugelegt hatte, nutzte er ab 1947 dauerhaft. 1949 ließ er ihn als offiziellen Namen vom Polizeipräsidium Berlin anerkennen. Er selbst sprach 1961 von einem Allerweltsnamen, den er gewählt habe, doch bestand in Lübeck, als er dort sein Volontariat absolvierte, eine Schiffsausrüsterfirma William Brandt Wwe.
Er war von 1957 bis 1966 Regierender Bürgermeister von Berlin. In Brandts Berliner Jahre fielen mit der dem Ungarischen Volksaufstand 1956, der Zweiten Berlin-Krise 1958 und dem Mauerbau 1961 drei internationale Krisen, in denen Brandt sich nachdrücklich für die Interessen Berlins einsetzte. Von 1966 bis 1969 war er Bundesaußenminister und Stellvertreter des Bundeskanzlers im Kabinett Kiesinger sowie von 1969 bis 1974 vierter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. 
Der weltweit beachtete Kniefall von Warschau am 7. Dezember 1970 am Mahnmal des Ghetto-Aufstandes von 1943 leitete symbolisch die Entspannungspolitik ein, die später in die Ostverträge mit Polen und der Sowjetunion mündete. Hinzu kam der Grundlagenvertrag mit der DDR. 1970 hatte er sich in Erfurt mit dem Vorsitzenden des Ministerrates der DDR Willi Stoph zunächst zum ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen im Erfurter Hof und dann in Kassel getroffen. Die Erfurter „Willy, Willy“-Rufe waren eindeutig auf Brandt bezogen und irritierten die DDR-Machthaber. Es folgte ein Abkommen mit der Tschechoslowakei. Für seine Ostpolitik, die auf Entspannung und Ausgleich mit den osteuropäischen Staaten ausgerichtet war, erhielt Brandt 1971 den Friedensnobelpreis. 
Von 1964 bis 1987 war Brandt Vorsitzender der SPD, von 1976 bis 1992 Präsident der Sozialistischen Internationale. Fünfter Bundeskanzler wurde 1974 Helmut Schmidt. Willy Brandt starb schließlich am 8. Oktober 1992 um 16:35 Uhr. Am 17. Oktober 1992 gedachte der Bundestag seiner in einem Staatsakt. Das Ehrengrab Willy Brandts befindet sich auf dem Berliner Waldfriedhof Zehlendorf in der Abt. VII-W-551/552 neben dem Ehrengrab von Ernst Reuter, Vorgänger Brandts als Regierender Bürgermeister von Berlin in den Jahren 1948 bis 1953.

Die Willy-Brandt-Allee in Lübeck auf der Wallhalbinsel wurde nach ihm benannt. Die Bundesrepublik Deutschland errichtete zu seinem ehrenden Gedenken die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung mit Sitz in Berlin. Die Stiftung eröffnete am 18. Dezember 2007, zum 94. Geburtstag Willy Brandts, eine Außenstelle in der Königstraße der Lübecker Altstadt, das Willy-Brandt-Haus Lübeck. 
Lübeck verlieh ihm die Ehrenbürgerschaft 1972.

Dies waren nur die Lübecker Ehrungen. Es gibt noch zahlreiche weitere Ehrungen im In- und Ausland. Nach Beschluss des Aufsichtsrates der zuständigen Flughafengesellschaft vom 11. Dezember 2009 wird der neue Flughafen Berlin Brandenburg den Beinamen Willy Brandt erhalten.

Am 21.6.2013 wird eine Gedenktafel durch den Lübecker Bürgermeister Bernd Saxe und den ehemaligen Ministerpräsident Björn Engholm an der Wand des Hauses in der Meierstr. 16 enthüllt.

Zu Brandts 100. Geburtstag gab die Deutsche Post AG am Erstausgabetag 2. November 2013 ein Sonderpostwertzeichen mit seinem Porträt im Wert von 58 Eurocent heraus. Der Entwurf stammt von Ingo Wulff aus Chemnitz.

Briefmarke Willy Brandt
Pierre Brice